IT-Infrastruktur für den Mittelstand: Wenn Hyperscaler den Markt leerkaufen
Wer heute in Frankfurt Colocation-Kapazität sucht, bekommt von den großen Anbietern oft dieselbe Antwort: Wartezeit 12 bis 18 Monate, wenn überhaupt. Die verfügbare Kapazität ist für Hyperscaler und KI-Projekte reserviert.
Der deutsche Rechenzentrumsmarkt hat sich fundamental verändert.
Was ist passiert?
Deutschland verfügt über etwa 2.700 Megawatt installierte IT-Leistung in Rechenzentren. Frankfurt kommt auf 745 MW - plus 542 MW im Bau. Der DE-CIX verzeichnete im April 2025 einen Rekord-Durchsatz von 25 Tbit/s – eine Verdoppelung seit 2020.
Das klingt nach viel. Ist es aber nicht mehr.
AWS, Microsoft Azure und Google Cloud kontrollieren etwa zwei Drittel des globalen Cloud-Marktes. In Deutschland sind die drei Hyperscaler die mit Abstand größten Abnehmer von Rechenzentrumskapazität - und sie haben Vorrang.
Neue Projekte von OpenAI, Microsoft und anderen haben Priorität. Ein Mittelständler mit Bedarf an zehn Racks steht hinten an.
Der Engpass ist nicht die Fläche
Das eigentliche Problem ist Strom. Die Netzanschlusskapazitäten in Frankfurt sind nahezu ausgelastet - Netzbetreiber vergeben keine neuen Anschlüsse mehr nach dem Windhundprinzip. Neue Stromanschlüsse dauern Jahre. Manche Projekte warten über zehn Jahre auf Netzanschluss.
Transformatoren, Notstrom-Anlagen, Spezialkühlung - die Lieferketten sind angespannt. Selbst wer Fläche und Strom hat, wartet Monate auf Komponenten.
Dazu kommen die deutschen Strompreise. Rechenzentren bekommen nicht den subventionierten Industriestrompreis - wir zahlen 32 bis 38 Cent pro Kilowattstunde. In Finnland sind es 14 bis 24 Cent. Ein spürbarer Wettbewerbsnachteil.
Warum kommen die Hyperscaler trotzdem?
Frankfurt ist der wichtigste Internet-Knotenpunkt Europas. DE-CIX, direkte Peering-Verbindungen zu allen großen Netzen, geringe Latenz in die DACH-Region und nach Osteuropa. Für Anwendungen, bei denen Latenz zählt, gibt es keinen Ersatz.
Außerdem: DSGVO und Datensouveränität. Europäische Kunden, besonders aus regulierten Branchen, wollen Daten in der EU. Die Hyperscaler müssen hier präsent sein, ob sie wollen oder nicht.
Was hat die Politik gemacht?
Der Industriestrompreis ist inzwischen da. Die EU-Kommission hat ihn im April 2026 genehmigt, er gilt rückwirkend ab Januar 2026. Für die förderfähige Strommenge wird der Großhandelsanteil auf 5 Cent pro Kilowattstunde gedeckelt, allerdings nur für die Hälfte des Verbrauchs und befristet bis 2028.
Der Haken: berechtigt sind ausschließlich Unternehmen von der Carbon-Leakage-Liste, also Stahl, Chemie und ähnliche energieintensive Branchen. Rechenzentren stehen nicht darauf. Der Mittelstand auch nicht. Genau die, um die es hier geht, gehen leer aus.
Wir sind ohnehin keine Freunde von Subventionen. Sie sind nicht nachhaltig: Irgendwann laufen sie aus, die Haushaltslage ändert sich, die politischen Prioritäten verschieben sich. Wer sein Geschäftsmodell auf subventionierten Strom baut, hat ein Risiko. In diesem Fall stellt sich die Frage aber gar nicht erst, für Rechenzentren und Mittelstand ändert sich nichts.
Unsere Standortstrategie
Wir haben früh entschieden, nicht alles auf Frankfurt zu setzen. Stattdessen nutzen wir die besten Eigenschaften verschiedener Märkte.
Frankfurt: Konnektivität
Für Anwendungen, bei denen Latenz kritisch ist, führt kein Weg an Frankfurt vorbei. Wir betreiben dort Kapazität für Kunden mit Echtzeit-Anforderungen: Finanzdienstleister, Trading-Plattformen, API-Gateways. Unmittelbare Nähe zu DE-CIX und AMS-IX.
Aber: Nicht jede Anwendung braucht Frankfurt. Backup-Daten, Archive, Batch-Verarbeitung - dafür gibt es günstigere Alternativen.
Helsinki: Günstigerer Strom
Finnland hat niedrigere Strompreise als Deutschland. Rechenzentren zahlen dort 14 bis 24 Cent pro Kilowattstunde - etwa die Hälfte dessen, was in Deutschland fällig wird.
Dazu kommt das Klima. Bei Durchschnittstemperaturen unter 6°C brauchen Rechenzentren kaum aktive Kühlung. Free Cooling senkt den PUE-Wert und damit die Betriebskosten.
Finnland bietet außerdem reduzierte Stromsteuer für Rechenzentren, die Abwärme nutzen oder besonders energieeffizient arbeiten.
Für storage-intensive Workloads, Backups und Archivierung ist Helsinki oft die wirtschaftlichere Wahl.
Niederlande: Günstige Flächen, gute Anbindung
Amsterdam ist einer der großen Rechenzentrumsstandorte Europas. AMS-IX, einer der größten Internet-Exchanges weltweit, sorgt für exzellente Konnektivität.
Die Colocation-Preise liegen 20 bis 30 Prozent unter Frankfurt. Die Nähe zu Frankfurt (Latenz unter 10ms) macht Amsterdam zur Alternative für Workloads, die gute Anbindung brauchen, aber nicht zwingend in Deutschland stehen müssen.
Große Rechenzentren vs. kleinere Anbieter
Nicht alle Rechenzentren sind gleich. Die Unterschiede gehen weit über die reine Größe hinaus.
Die großen Carrier-neutralen Rechenzentren
Frankfurt hat mehrere große Carrier-neutrale Rechenzentren mit Tier-III oder Tier-IV Zertifizierung. Was man dort bekommt:
- Echte Redundanz: Mehrere Gebäude auf dem Campus, redundante Stromversorgung aus verschiedenen Umspannwerken, N+1 Kühlung pro Gebäude
- Redundante Hauseinführungen: Glasfaser kommt von mehreren Seiten ins Gebäude – verschiedene Trassen, verschiedene Carrier. Wenn ein Bagger eine Leitung kappt, läuft der Traffic über die andere
- Meet-Me-Rooms: Strukturierte Verkabelung über zentrale Räume, in denen alle Carrier zusammenkommen. Cross-Connect zu jedem anderen Kunden im Haus möglich
- Hunderte Carrier im Haus: Freie Wahl des Providers, direktes Peering mit DE-CIX und anderen Kunden
- 24/7 Remote Hands: Geschultes Personal rund um die Uhr, dokumentierte Prozesse
Der Preis dafür: Ein Full Rack (42 HE) kostet in Frankfurt je nach Anbieter 1.500–2.000€ im Monat, zuzüglich Strom mit Mindestabnahmemengen. Dazu kommen Wartezeiten von 12–18 Monaten bei Direktbuchung und Mindestabnahmen von oft 5–10 Racks.
Für ein börsennotiertes Unternehmen ist das Kleingeld. Für einen Mittelständler mit 200 Mitarbeitern, der zwei Racks braucht, nicht.
Kleinere regionale Rechenzentren
Davon gibt es in Deutschland mehrere hundert. Stadtwerke, mittelständische IT-Dienstleister, spezialisierte Anbieter.
Vorteile: Oft kurzfristig verfügbar, flexiblere Vertragsmodelle, niedrigere Einstiegspreise (300–600€ pro Rack plus Strom), persönlicher Kontakt.
Risiken: Keine oder nur Tier-II-Zertifizierung, kein 24/7-Personal, eine Hauseinführung statt redundanter Trassen, fragliche Redundanz bei Strom und Kühlung.
Konnektivität: Die meisten kleineren Rechenzentren sind nicht carrier-neutral. Sie verkaufen ihre eigene IP-Anbindung – oft teuer und ohne Alternativen. Maximal ein oder zwei weitere Provider im Haus. Kein Meet-Me-Room, Cross-Connects unstrukturiert und ohne redundante Wegeführung.
Wir lösen das, indem wir unseren eigenen AS (AS215197) in solche Standorte ausbauen. Damit sind Kunden nicht auf die lokale Konnektivität angewiesen, sondern nutzen unser Netz, das an DE-CIX und AMS-IX angebunden ist.
Von außen sieht man diese Unterschiede nicht. Ein Serverraum im Keller kann genauso als „Rechenzentrum" vermarktet werden wie ein zertifiziertes Tier-III-Facility.
Nachfragen und hinschauen
Tier-III heißt nicht automatisch sicher. Ein Beispiel: Ein Rechenzentrum wirbt mit Tier-III und N+1 Kühlung. Stimmt – für jedes einzelne Gebäude. Aber die Klimasteuerung sitzt zentral in nur einem Gebäude. Fällt das aus – Loss of Building wird zu Loss of Campus.
Die Frage ist nicht: „Haben Sie redundante Kühlung?" Die Frage ist: „Was passiert, wenn Gebäude 3 abbrennt?"
Stromversorgung: Echte Redundanz bedeutet zwei Umspannwerke, zwei Trafos, zwei Wege ins Gebäude. Viele kleinere RZs haben eine Einspeisung mit USV und Generator. Das reicht – bis der Generator nach drei Jahren nicht anspringt, weil niemand die Wartung unter Last gemacht hat.
Brandschutz: Große Rechenzentren haben Gaslöschanlagen – früher Halon, heute Novec oder Inergen. Löscht den Brand, ohne die Hardware zu zerstören. Kleinere Anbieter haben oft nur Brandmelder. Feuer wird erkannt, aber nicht gelöscht.
Lassen Sie sich die USV zeigen, fragen Sie nach dem letzten Generatortest unter Last. Wer nichts zu verbergen hat, zeigt das gerne.
Colocation direkt vs. über einen MSP
Direkt beim Carrier-neutralen RZ: Maximale Carrier-Auswahl, eigene Cages möglich, volle Kontrolle. Aber: 5–10 Racks Mindestabnahme, 12–18 Monate Wartezeit, 36-Monats-Verträge, 1.500–2.000€ pro Rack plus Strom.
Über einen MSP: Ein Rack statt zehn, sofort verfügbar, flexible Laufzeiten, ein Ansprechpartner. Carrier-Neutralität bleibt erhalten, wenn der MSP im großen RZ sitzt. Nachteil: Kein eigener Cage – für manche regulatorischen Anforderungen ein Problem.
Der direkte Weg macht Sinn bei mehr als 10 Racks, eigenen Carrier-Verträgen oder regulatorischen Anforderungen an physische Separation. Für die meisten Mittelständler ist der MSP-Weg pragmatischer.
Wir betreiben eigene Cages in Carrier-neutralen Rechenzentren in Frankfurt und anderen europäischen Standorten.
Was heißt das für den Mittelstand?
Die Zeiten, in denen man einfach zehn Racks beim nächsten Colocation-Anbieter bestellt hat, sind vorbei. Zumindest in Frankfurt.
Wer Daten in Deutschland halten muss, sollte frühzeitig Kapazität sichern. Wer flexibler ist, kann Workloads splitten: Latenz-kritische Anwendungen in Frankfurt, Backup und Archive in Helsinki oder Amsterdam. Wer Standorte verbinden will: Unser ZERO-CONNECT Service bietet Managed WAN inklusive Managed Firewall, Switches und WiFi.
Nicht jeder Workload braucht Colocation. Managed Services können eine Alternative sein: Managed Proxmox für Virtualisierung, Managed Kubernetes für Container-Workloads, GPU-Server für KI und Rendering, Storage-Server für große Datenmengen. Wir betreiben die Infrastruktur, Sie nutzen sie.
Haben wir Ihr Interesse geweckt?
Senden Sie uns gerne eine E-Mail mit einer kurzen Beschreibung Ihrer aktuellen Infrastruktur-Situation: Wie viele Racks oder Server, welche Workloads, welche Anforderungen an Standort und Konnektivität. Oder vereinbaren Sie einen Termin für ein Erstgespräch. Wir analysieren Ihre Anforderungen und erarbeiten einen individuell auf Ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Vorschlag.
Quellen
- German Datacenter Association: Datacenter Outlook 2024/25 - IT-Kapazitäten Deutschland und Frankfurt
- DE-CIX Pressemitteilung, April 2025 - Rekord-Durchsatz 25 Tbit/s
- AlgorithmWatch: Germany's Data Center Boom - Netzkapazitäten und Wartezeiten
- Eurostat: Electricity price statistics - Strompreise EU-Vergleich